Es begab sich in einer klirrend kalten Rauhnacht, als der Mond rund und bleich über den spitzen Giebeln der alten Stadt stand. Die Gassen waren leer gefegt, und der Nebel kroch wie graue Wolle zwischen den dunklen Fachwerkbalken hindurch. Alles schlief tief und fest, nur der Frost war wach und malte Eisblumen an die Fenster.

Da, als die Turmuhr vom Rathaus die zwölfte Stunde schlug, erklang in der Stille ein feines, rhythmisches Läuten. Es war nicht das grobe Scheppern wilder Geister, sondern ein reiner, silberner Klang, hell wie Kristall.
Am Ende der engsten Gasse trat sie aus dem Nebel: die Perchte. Sie war nicht alt und gebeugt, sondern hochgewachsen und von einer wilden Schönheit. Ihr Haar war schwarz wie Rabenfedern und fiel ihr offen und lang über den Rücken, und ihr Gewand schimmerte im Mondlicht wie frisch gefallener Schnee. In ihren Händen hielt sie große, glänzende Schellen an ledernen Riemen.

Sie ging nicht schwer, sie stampfte nicht – sie tänzelte eher.
Es war der wahre Perchtenschritt. Leicht und federnd setzte sie ihre Füße auf das kopfsteinerne Pflaster, links, rechts, Drehung und Klang. Bei jedem Schritt schwang sie die Schellen, dass es durch die Gasse hallte wie ein helles Lachen.
Kling, klang, Schritt und Tanz.
Wo ihr Fuß den gefrorenen Stein berührte, wich das Eis zurück. Der Nebel, der eben noch dicht und schwer in der Gasse hing, begann zu wirbeln und löste sich auf, als könnte er ihren Glanz nicht ertragen. Mit jedem Schütteln ihrer Glocken trieb sie die dunklen Schatten des Winters, die sich in den Ecken der Häuser versteckt hielten, hinaus vor die Tore der Stadt.
Ein Nachtwächter, der sich frierend in einer Nische verborgen hatte, sah sie vorüberziehen. Er wagte nicht zu atmen, so gebannt war er von ihrem Anblick. Sie tanzte an ihm vorbei, den Blick starr auf den Weg gerichtet, vollzogen in ihrem heiligen Tun. Doch als der Klang ihrer Schellen ihn streifte, spürte er keine Kälte mehr, sondern eine wohlige Wärme, die ihm sagte: Das Licht kehrt zurück.

So zog die Perchte tänzelnd durch die ganze Stadt, Gasse für Gasse, bis der letzte Winkel vom dumpfen Wintergrau befreit war.
Als der Morgen graute und die ersten Sonnenstrahlen die Dächer trafen, war die schöne Frau verschwunden. Doch die Stadt erwachte leichter und heller als zuvor. Der Altmühlnebel verzog sich und in den Ritzen des Pflasters, genau dort, wo sie ihren tänzelnden Schritt gesetzt hatte, fanden die Kinder am Morgen keine Eiszapfen, sondern die allerersten, zarten Schneeglöckchen.

Das Lied Perchtenschritt ist hier in der Demo-Version 12 anzuöhren. Es gehört zu dem kommenden Album Rauhnacht.
Altmühlnebel gehört da auch dazu.