Altmühlnebel

Es war einmal mitten im tiefsten Winter, im Altmühltal, als die Nächte länger waren als die Tage und der Wind heulend um die Hütten fegte und die Nebelschwaden so dicht waren wie Wolle. Diese Zeit wurde von den Einheimischen Altmühlnebel genannt.

Da lebte in einem kleinen Dorf am Rande des großen Waldes ein Müller, der war fleißig, aber sein Herz war hart wie ein gefrorener Stein. Er gönnte seinen Knechten keine Ruhe, selbst nicht in den heiligen Zwölften, den Rauhnächten, in denen die Räder stillstehen sollten.

„Arbeit wärmt besser als Feuer!“, rief er und zwang die Mägde, auch am Abend vor Dreikönig noch Flachs zu spinnen und das Korn zu mahlen.

Als die Turmuhr die Geisterstunde schon lang angekündigt hatte, wurde es plötzlich totenstill im Tal. Der Wind legte sich, und der Schnee hörte auf zu rieseln. Da hörte der Müller ein Geräusch. Es war kein Klopfen und kein Rufen, sondern ein schwerer, gleichmäßiger Tritt. Stampf. Klirr. Stampf. Klirr.

Es kam vom Waldrand her, näher und näher. Die Mägde ließen vor Schreck die Spindeln fallen, denn sie wussten: Das war der Perchtenschritt.

Die Tür der Mühle flog auf, als hätte ein Sturm sie erfasst, doch draußen regte sich kein Lüftchen. Im Rahmen stand eine Gestalt, so hoch wie der Türsturz. Ihr Gesicht war auf der einen Seite weiß und schön wie der frisch gefallene Schnee, auf der anderen aber runzlig und dunkel wie alte Baumrinde. Sie trug einen weiten Mantel, und an ihrem Gürtel hingen Scheren und schwere Eisenketten. Es war die Percht.

Sie sprach kein Wort, sondern hob nur ihre Hand. Mit einem einzigen, dröhnenden Schritt trat sie in die Stube. Stampf. Der Boden unter den Füßen des Müllers erzitterte.

„Habe ich nicht geboten, dass die Räder während des Altmühlnebels ruhen sollen?“, fragte sie mit einer Stimme, die klang wie das Knacken von Eis auf einem See. „Wer in meiner Zeit nicht ruht, der wird Ruhe finden müssen.“

Der Müller, der sonst so laut war, brachte kein Wort heraus. Die Percht schritt auf ihn zu. Mit jedem Schritt wurde es kälter im Raum, bis der Atem der Menschen als weiße Wolken in der Luft stand. Sie zog ein silbernes Messer, und der Müller dachte, sein letztes Stündlein habe geschlagen.

Doch sie schnitt nur den Faden am Spinnrad durch und hielt das Mühlrad mit einer bloßen Berührung an. Dann blickte sie den Müller mit ihrem dunklen Auge an.

„Für dieses Jahr sei dir verziehen, denn der Flachs ist gesponnen“, sprach sie. „Aber merke dir den Klang meines Schrittes. Wenn du im nächsten Jahr die Ruhe der Weihenächte brichst, werde ich dich mitnehmen in mein Reich unter den Bergen, wo du mahlen musst, bis die Steine zu Staub zerfallen.“

Sie drehte sich um, und so schnell sie gekommen war, so schnell verschwand sie im Altmühnebel. Zurück blieb nur eine einzige, goldene Münze auf dem Boden – als Lohn für die Mägde – und die tiefe Stille des Winters.

Der Nebel lichtete sich vollends … und die Zeit des Altmühlnebels war vorbei.

Von dieser Nacht an hörte man in der Mühle während der Rauhnächte kein Rad mehr klappern. Und wenn der Wind besonders laut um die Ecken pfiff, saß der Müller still am Feuer und lauschte zitternd, ob er draußen im Schnee den schweren, klirrenden Perchtenschritt vernahm.

Das Lied Altmühlnebel ist hier in der Demo-Version 13 anzuöhren. Es gehört zu dem kommenden Album Rauhnacht.

Perchtenschritt gehört da auch dazu.

Was gab’s noch...